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Applikationen leben

Kaum eine andere Disziplin ist derart produktiv bei der Kreation neuer Begriffe und Bezeichnungen wie die IT. Damit stellt die IT einen stetigen Born der Freude für Menschen dar, die sich mit Sprache und vor allem mit ihrer Semantik beschäftigen. Schaut man nämlich aus dieser Perspektive auf die Sprachproduktion der IT, dann ergeben sich z.T. interessante und durchaus amüsante Einsichten. Nehmen wir z.B. Google Earth. Vermutlich kennen alle Leser dieses Programm, doch was bedeutet Google Earth eigentlich: Die Erde, wie Google sie sieht, oder die Erde virtuell bereitgestellt von Google. Ersteres wäre vermutlich bedenklich, denn dies würde bedeuten, dass unsere Sicht auf die Erde durch das Programm gefiltert wäre und geprägt von dem kommerziellen Streben eines Konzerns. Für eine altruistische Sicht auf das Google-Programm müssten wir hingegen dankbar sein – erlaubt das Programm doch, unseren Platz auf der Erde zu finden und virtuell (und somit umweltschonend) eine fast göttliche Sicht (will sagen von oben) auf die Welt zu erhalten. Dies hätte den schönen Nebeneffekt, dass unser Verständnis vom lokalen Handeln und den globalen Auswirkungen wachsen würde – dank sei Google. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass es ggf. noch eine dritte semantische Interpretation gibt: Wenn man sächsischen Ursprungs ist, dann könnte Google auch verstanden werden als Gugel (hochdeutsch Kugel). Dies würde wiederum bedeuten, dass das Modell der Erde als Scheibe dank Gugel Earth ein weiteres Mal eindrucksvoll widerlegt wird.

Ein zweiter wunderbarer Begriff ist Cloud Computing – frei nach Reinhard Mey also über den Wolken. Folgt man diesem Gedankengang, denkt man unwillkürlich an George Clooney in »Up in the Air« – dem beständig in der Luft befindlichen Businessman, der dank »Cloud Computing« die Zeit im Flugzeug produktiv nutzt (statt Whiskey zu trinken und mittelmäßige Filme zu schauen). Leider sind diese Assoziationen jedoch gänzlich falsch – Cloud Computing steht letztlich nur für Rechenkapazität, die häufig gegen Gebühr zur Verfügung gestellt wird.

Wie schaut es nun mit Application Lifecycle Management (ALM) aus? Welche Assoziationen und Interpretationen gibt es hier? Die Antwort ist einfach und weitgehend profan: ALM kann diesbezüglich nicht mit Google Earth oder Cloud Computing mithalten. ALM ist down-to-earth: Es beschreibt die Prozesse, Methoden und Werkzeuge, die zur Einführung und zum Betrieb von Applikationen notwendig sind, mathematisch ausgedrückt: LM(A). Aus SAP-Sicht stellt Application Lifecycle Management ein Kernelement für den Erfolg und den ROI dar, den Kunden mit ihren SAP-Investionen erzielen. Einen semantisch interessanten Aspekt gibt es aber doch: Der Begriff Lifecycle deutet darauf hin, dass es Leben gibt, also dass die Applikationen, die gemanagt werden, als eigenständige Wesen zu deuten sind – ausgestattet z.B. mit einem eigenen Willen. Der Beweis, dass dies tatsächlich der Fall ist, wird streng wissenschaftlich nicht zu erbringen sein – rein empirisch aber schon, denn eine Vielzahl von Menschen wird bestätigen, dass ihre Applikationen partout nicht immer das tun, was sie wollten – ergo: Applikationen müssen einen eigenen Willen haben, was wiederum belegt, dass Applikationen ein Eigenleben besitzen, der Begriff ALM also angemessen ist.

Vielleicht habe ich Sie mit diesen – nicht immer ganz ernst gemeinten – Gedanken dazu bringen können, ALM in Zukunft mit gebührendem Respekt zu betrachten und entsprechend verantwortungsvoll umzugehen mit dem Ihnen anvertrauten digitalen Leben namens Applikation.

 

(Bei diesem Artikel handelt es sich um eine leicht veränderte Version des Einwurfs von Matthias Melich in HMD 278 “Application Management”)

 

Ein Kommentar zu “Applikationen leben”

  1. Paul G. Huppertzam 19.04.2011 um 23:30

    Mag “die IT”, was auch immer das nun sein soll, bei der Kreation neuer Begriffe & Bezeichnungen noch so kreativ sein, für den Service-Begriff verwendet sie eine grundstürzend falsche Definition, die in ITIL V2 expressis verbis eingeschrieben ist und die sich bis in den letzten Absatz von ITIL V3 durchzieht:
    “Service: One or more IT systems that enable a business process.” – kurzum: Service = IT-System. :-|
    Das hat zur Folge, dass service-relevante ICT-Systeme gemeint sind, wenn man von Services schreibt oder spricht, so dass die babylonische Sprach- & Begriffsverwirrung vorgezeichnet ist. Zum eigentlich relevanten ICT-systembasierten Business Support Service (ICTBSS) stösst mensch dann gar nicht mehr vor, weil mensch meint, das mit dem Service schon erledigt zu haben.

    Nimmt man die Bezeichnung “Google Earth”, kann man festhalten, dass das ein gelungener Marketing-Begriff ist, und zwar für die abrufbaren Map Presentating Services, die Google auf der Basis von Satellitenaufnahmen und Kartenprojektionen erbringt. Alle weiteren Interpretationen laufen ins Unergiebige und Leere.

    Beim Bild des “Cloud Computing” kann man sich, ganz à la Reinhard Mey, vorstellen, dass der abrufende Service-Konsument über diesen Wolken schwebt – sozuschreiben im 7. Service-Himmel ;-), weil ihm auf seinen expliziten Abruf hin aus diesen Wolken die “cloud”- bzw. ICT-systembasierten Business Support Services (ICTBSS) erbracht werden, die er bei Bedarf abruft. Es handelt es sich also in Wirklichkeit um Service (Contribution) Sourcing.
    Hält man sich vor Augen, dass die “Clouds” eine andere Bezeichnung für ein Konglomerat von service-relevanten ICT-Systemen sind, wird sofort klar, dass es sich bei der “Cloud” allenfalls um bodennahen Nebel handeln kann, der von der Klimaanlage des betreffenden Rechen- oder Server-Zentrums verursacht wird.

    Ähnlich seltsam verhält es sich mit dem “Application Lifecycle Management”. Da eine Applikation(sinstanz) nur jeweils so lange existiert, wie der zugeörige Software-Code in einem Hauptspeicher resident ist, währt der Application Lifecycle vom Starten der Applikation bis zum Beenden derselben. Sofern man allein mit dem Starten & Stoppen von Applikationen Erfolg und ROI erreichen kann, dürfte das Leben recht einfach sein ;-)

    Fazit:
    Jeder neu erfundene Begriff, der nicht per se fundiert mit valider Bedeutung und praxisrelevantem Inhalt belegt ist, lässt sich leicht entlarven, so dass der entsprechende Begriffsdampf sich schnell verzieht.

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